Bericht vom 21.04.2008 aus dem Rüsselsheimer Echo von Rainer Beutel
Tradition und Moderne in Harmonie Gesangverein Eintracht: Die Chöre decken alle Stilrichtungen ab – „Mittendrin“ sorgt für Gänsehaut-Atmosphäre
NAUHEIM. Sich zu Beginn eines Konzertes als „modernen, klassischen und traditionellen Chor“ zu beschreiben, provoziert. Doch die Nauheimer Eintracht, die seit 140 Jahren besteht, löst den scheinbaren Widerspruch. Der Gesangverein interpretiert sich mit mehreren Chören als Einheit. Jedes Ensemble steht jedoch für sich. Gemeinsam verbinden sie die Ansprüche von einst und heute.
Am Samstagabend konnten sich weit über 300 Besucher in der katholischen Kirche davon überzeugen. Zum ersten Mal traten die Eintracht-Chöre im Gotteshaus von St. Jakobus auf. Die Reihen waren dicht besetzt. An den Rändern waren extra Stühle aufgestellt worden. Das Konzert war eingebettet in das Programm des Kultursommers. Durch die überregionale Werbung kamen auch Auswärtige.
Modern präsentierte sich die Chorgruppe Mittendrin mit Stücken wie „Evening Rise“, einem indianischen Traditional. Die frontale Struktur Aug' in Aug' mit dem Publikum wurde aufgelöst. Gesplittet in mehrere Gesangsgruppen verteilte sich der Chor im Kirchenschiff. Dirigiert von Silvia Tollkien ergab sich eine eindrucksvolle Vielstimmigkeit – Gänsehaut-Atmosphäre im Echo des großen Kirchenraums.
Modern wirkte die Eintracht mit ihren jüngeren Chören und Gruppen wie dem „Hörsturz“ und den „Blue Notes“, die Gospels wie „Help me Lord“ und „Lean on me“ schwungvoll interpretierten oder mit dem stimmlich anspruchsvollen „Drink to me only“ ein konzentriertes Zuhörern verlangten. Mona Biebel leitet die beiden Gruppen.

Traditionell erwiesen sich der „Gemischte Chor“ mit „Ave Maria Glöcklein“ oder nach der Pause mit „Lass die Sonne in Dein Herz“. Die „Gemischten“ bewiesen mit einem Cat-Stevens-Song ebenso wie „Mittendrin“ mit Händels „Lacia ch'io pianga“, dass sie ihren Stil variieren können.
Als reine Männergruppe war der Gastchor „Schräge Acht“ aus Lindenholzhausen zu erleben, der mit der Eintracht durch deren früheren Dirigenten Ulrich Rompel verwoben ist und mit „Wohlan ihr Freunde seid gegrüßt“ gleich den passenden Ton traf. Trotz der offenkundigen Verpflichtung, sich als ältester Verein im Ort weiterhin dem bewährten Liedgut zu widmen, weist der Eintracht-Trend in die Moderne. Auch das wurde bei dem Konzert zum Hundertvierzigjährigen deutlich. Bei Stücken wie „Walking Memphis“ von „Hörsturz“ oder der „Swing Prelude“ des Frauenchors reagierte das im Medienzeitalter überaus verwöhnte Publikum zeitweise fasziniert. Am Beifall war das zu spüren.
Etwas anderes als eine moderne Ausrichtung bleibt der Eintracht kaum übrig, wenn sich selbst eine Gesangsgruppe wie die „Schräge Acht“ mit Männern im fortgeschrittenen Alter bei Stücken wie „Down by the Riverside“ spritzig und swingend gibt.
Wie Selbstironie mutet es da an, wenn der Verein sein optisch pfiffig gestaltetes Programm mit Wilhelm Fitting aufmacht. Sechs Jahre nach der Gründung begann der Musikmeister aus Mainz anno 1874 seine 40-jährige Dirigentenzeit bei der Eintracht. Sein Konterfei zeigt ihn mit Rauschebart und Orden. So bleibt die Tradition zumindest fotografisch gewahrt.

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